Hydrantenwagen

Ein Oldtimer erzählt…

Der alte Hydrantenwagen

Als die Erbacher Feuerwehr im Jahr 2008 in das neue Feuerwehrhaus in der Ringstraße umzog, kamen beim Ausräumen des alten Gerätehauses in der Marktstraße auch zwei alte Holzkarren mit großen Speichenrädern und Eisenreifen zum Vorschein, die dort seit über vierzig Jahren auf dem Dachboden vor sich hingedämmert hatten.

Hydrantenwagen

Diese Hydrantenwagen waren von1926 bis 1960 in Erbach im Einsatz und wurden seinerzeit von jeweils vier Feuerwehr-männern durch den Ort zur Einsatzstelle gezogen bzw. geschoben. Beladen waren sie damals mit C-Schläuchen, Standrohr, Hydrantenschlüssel, Strahlrohr, Axt, Leinen und weiteren Gerätschaften. Bernhard und Michael Kohlhaas konnten sich erinnern, dass sie nach den Überschwemmungen im Jahr 1966 noch mit einem solchen Wagen losgezogen waren, um die Straßen abzuspritzen.

 

Hydrantenwagen2Beide Fahrzeuge wurden mit in das neue Feuerwehrhaus genommen und standen dort mehr oder weniger in der Fahrzeughalle im Wege.

 

Natürlich konnte es nicht dabei bleiben, und so fiel der Beschluss, aus den beiden heruntergekommenen und beschädigten Karren wieder ein richtig schönes Erinnerungsstück zu machen. Dies hatten sich die Kameraden der Alters- und Ehrenabteilung zur Aufgabe gemacht. (Der zweite Wagen wurde übrigens nicht weggeworfen, sondern an eine Feuerwehr im Allgäu abgegeben; die Kameraden dort haben sich sehr gefreut!)

 

Hydrantenwagen3Im Jahr 2014 war es dann soweit: Unter der Regie von Günter Kappaun wurden der erhaltenswerte Wagen und die Teile des zweiten Wagens, die Verwendung finden sollten, nach fotografischer Dokumentation in seine private Werkstatt geschafft, da schnell erkannt wurde, dass eine Restaurationswerkstatt, in der Farbe abgeschliffen wurde und alte Fahrzeugteile herumlagen, in einem Feuerwehrgerätehaus am falschen Ort war.

 

In seiner Werkstatt angekommen, wurde das Fahrzeug bis auf den letzten Nagel in seine Einzelteile zerlegt. Das Auffrischen des sehr schönen Herstellerschildes übernahm Michael Kohlhaas und den teilweise recht sperrigen, teilweise winzigen Eisenteilen wurde von Günter Kappaun zu neuem Glanz verholfen.

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Als etwas mühsamer erwies sich das fachgerechte Abschleifen der Holzteile von Hand: hier konnten auch Kameraden eingesetzt werden, die über keine ernsthaften handwerklichen Fähigkeiten verfügten, zum Beispiel Günter Massing und der Verfasser dieses Artikels. Was aber nicht heißt, dass gelernte Handwerker wie Bernhard und Michael Kohlhaas sich für diese Arbeit zu schade gewesen wären: In gewohnter Zusammenarbeit wurde fleißig geschliffen und gepinselt. Hier haben auch Klaus Pflüger und Wilhelm Dahlen mitgeholfen.

 

Ein größeres Problem stellte die Beschriftung des Wagens dar, denn Buchstaben in einem graphischen Stil, der vom Beginn des 20. Jahrhunderts stammt, gibt es nicht in jedem Baumarkt zu kaufen, ganz abgesehen davon, dass aufgeklebte Buchstaben ein böser Stilbruch gewesen wären. Hier hat Günter Kappaun so lange im Internet recherchiert, bis er tatsächlich Schablonen in der richtigen Schrifttype und Größe aufgetrieben hatte. Ich hätte es nicht geglaubt.

 

So wurden alle Teile wieder „aufgemöbelt“, lediglich die Klappe des Wagenkastens, die gerissen und vor Jahrzehnten nicht gerade fachgerecht zurechtgeflickt worden war, musste in einer Schreinerwerkstatt nachgebaut werden. Ansonsten galt: Kein Scharnier, keine Schraube, die nicht vom Original stammt!Hydrantenwagen5

Nach der Lackierung und Beschriftung wurde alles wieder zusammengebaut und nach und nach mit Gerät- schaften versehen, die eben- falls zum Teil wieder herge- richtet werden mussten. Jetzt steht das Prachtstück im Eingangsbereich der Schul- ungsräume und ist der ganze Stolz der Oldtimer, die damit zeigen konnten, dass sie doch mehr können als nur von alten Zeiten zu erzählen…

 

Reinhard Groß

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